Bezeichne dich niemals als Schreiberling!

Mia GriesSchreibtipps und MotivationLeave a Comment

Schreiberling – Gastartikel Cordula Schneider

Als freie Journalisten, Autoren und Texter haben wir tagtäglich mit Wörtern zu tun. Wenn wir Artikel, Blog-Einträge und Social-Media-Posts verfassen, wägen wir sorgfältig ab, welche Ausdrücke wir nutzen. Oder besser: Wir SOLLTEN genau abwägen, welche Wörter wir benutzen wollen – bekanntlich gibt es feine Bedeutungsunterschiede zwischen verschiedenen Begriffen.

Ein Gastartikel von Cordula Schneider (freischreiberei)

Ein Verdächtiger ist eben KEIN Täter (jedenfalls nicht, bis ein Gericht ihn dazu gemacht hat). Wenn ein Ehemann seine Frau umbringt, ist das KEIN Beziehungsdrama (das würde die mitunter tödliche Gewalt gegen Frauen verharmlosen). Du merkst schon, der präzise Gebrauch von Wörtern ist ein Thema, das mich beschäftigt. Und deshalb HASSE ich das Wort Schreiberling.

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Negativ konnotiert oder selbstironisch?

Wenn es um unser Handwerk geht, das Verfassen von leserfreundlichen, ansprechenden Texten, taucht der „Schreiberling“ immer wieder auf – zum Beispiel in Facebook-Gruppen oder sogar in Stellenanzeigen(!). Dabei verrät uns ein Blick in den Duden sofort, dass der Schreiberling negativ konnotiert ist. „Autor[in], der bzw. die schlecht [und viel] schreibt“, lautet die Definition im Wörterbuch. Das Wort „Schreiberling“ wird also abwertend gebraucht, ähnlich wie „Saftschubse“ für Flugbegleiter und „Seelenklempner“ für Psychotherapeuten. 

Trotzdem gibt es Medienschaffende, die sich selbst als „Schreiberlinge“ bezeichnen. Wahrscheinlich soll das lustig und selbstironisch klingen. Spoiler-Alert – das tut es nicht, es wertet unsere Arbeit ab. Ich finde: In einer Welt, in der jedes Instagram-Bild solange bearbeitet wird, bis es perfekt ist, sollte man sich mit der Wortwahl mindestens genauso große Mühe geben. Es geht schließlich um unsere Außenwirkung als Kreative. Wem würdest du mehr Honorar bezahlen: einem Autor oder einem Schreiberling? Eben.

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Von der Zeitungsente zum Schreiberling

Ich hab mich mal schlau gemacht, woher der Ausdruck „Schreiberling“ kommt. Dabei bin ich auf den Begriff der „Zeitungsente“ gestoßen – also das, was wir heute Fake News nennen würden. Es gibt eine Karikatur aus dem 19. Jahrhundert, die die Zeitungsente bildlich darstellt. „Sie zeigt einen Schreiberling mit seinen Utensilien und einer Umhängetasche, aus der zwei Enten herausschauen, die als ,Journal-Enten‘ beschriftet sind“, schreibt Wikipedia dazu. Da ist es wieder: Schreiberlinge schreiben schlecht – und falsch. Wollen wir uns mit diesem Bild wirklich identifizieren? Und sei es auf selbstironische Weise?

Meine Antwort ist klar: nö. Ihr dürft mich gerne Journalistin nennen, Redakteurin, Texterin oder Autorin. Aber nicht Schreiberling. Ich will dieses Wort nie wieder hören, wenn es nicht tatsächlich negativ gemeint ist – so wie Schmierfink. Und auch dann wäre ich sehr vorsichtig, ein solches Wort zu benutzen. Solange Wutbürger mit roten Gesichtern „Lügenpresse, halt die Fresse“ skandieren, sollten wir uns mit der Abwertung unseres Berufs zurückhalten – und es mit der Wortwahl noch genauer nehmen.

Wie siehst du das? Empfindest du den „Schreiberling“ ebenfalls als negativen Begriff? Oder kannst du der selbstironischen Eigenbezeichnung etwas abgewinnen? Ich bin gespannt auf deine Meinung!

Anmerkung von Mia: Meine Sichtweise findet ihr in Cordulas Blog!

Redakteurin Cordula Schneider von der Freischreiberei

Cordula Schneider ist seit über 25 Jahren Redakteurin, 17 davon selbstständig mit der freischreiberei, einem Redaktionsbüro im Münchner Süden. Neben Magazin-Produktionen, Shootings und Advertorial-Texten gibt sie am liebsten ihr Wissen weiter – in Form von kostenfreien Inhalten auf ihrer Website und durch Onlinekurse – Auftragsmagnet – Akquise und Pricing für Freie sowie die Anschreiben-Akademie.

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